“Hilfe, ich hab ein Baby!”

Unbedarft stand ich im formschönen Verkaufsraum und versuchte mich im Teilzeit-Lächeln, während mein Freund ein Baby angedreht bekam. Glücklicherweise nicht in Form einer pampersverzehrenden Sabberkugel, doch vielmehr in Form einer Beinbekleidung.

Damals hießen sie Jeans, heute “dein Baby”. Der offensichtlich unter Drogeneinfluss stehende und von seiner eigenen Coolness völlig eingenommene Verkäufer verkaufte uns eine Hose mit Lebensphilosophie, Kleidung mit Auftrag, einen Moment der Besinnlichkeit, es ist mehr als nur Klamotte, es ist Style, Style, der mit Rabatt verkauft wird. Es ist eine Aufgabe, das Finden der persönlichen Stoffabnutzung. Diese Hose merkt sich wie du dich bewegst. Sie wird ein Teil von dir.

Ich warte auf Engelschöre und einen langhaarigen Revolutions-Fanatiker. Nichts dergleichen. Nur die Rechnung.

Und die Verbraucherinformation, das Teil ein Jahr nicht waschen zu dürfen. Ich verätze mir in einem unbeobachteten Moment direkt die Geruchsnerven. Der junge Mann mit Lebensaufgabe beruhigt mich enthusiastisch mit der Aussage, die Hose könne durch Tiefkühlung keimfrei geeist werden.

Ich freue mich.

Mein Liebster und ich rechnen durch, wieviel Waschwasser man spart und erstehen ein Baby. Sein Baby. Die Hose, die uns irgendwann zeigt, wie er sich bewegt.

dabei sehe ich das jeden Tag. Naja, nun bekommen wir es noch in Stoff gebrannt.

Gut gemeint ist manchmal das Gegenteil von gut gemacht.

Trotzdem: wir sind dabei. Stagnation ist nicht unser Ding. Warten wir ein Jahr, dann haben wir eine großartige Hose.

Hoffentlich. Baby.

IMG_0070

Ich wusste nicht wie mir geschah als ich es sah, ich wusste nicht das
es meins ist. Man meint ja, Liebe ist darin immer, aber hierbei musste
sie erst gewonnen werden. Manche Dinge brauchen eine Weile bis man die
Feinheiten und kleinen Dinge entdeckt. Gut, solange hat es nun nicht
gebraucht.

Es ist dunkelblau, W:34 L:34 groß gelbe Nähte, recht starr und noch
unflexibel. Name? Nicht wirklich, aber Nudie Jeans hat sie mir
vermittelt.
Wieso Baby? Hmm, man darf sie mindestens 6 Monate nicht waschen. Gut,
das heisst nun nicht, zweimal tragen und dann warten, nein. Tragen so
oft es geht, Trockenreinigung ist soweit gut, aber auch nicht jede
Woche. Das Gefrierfach ist dafür eine Lösung, abends hineingetan, dem
Partner oder dem Mitbewohner Bescheid gesagt, und den nächsten Tag
keimarm herausgeholt. Klingt vielleicht für alle ein wenig eklig,
aber manchmal sollte man über seinen Schatten springen.
Das Illusionen sich heut nicht mehr lohnen, bekommen wir alle nun mal
so mit. Der Verkäufer wirkte wie ein stylischer sehr modebewusster
junger Mann, dessen Line Koks noch anhält und welche erst seit
siebenunddreißig Minuten drin war. Ich muss sie haben. Er sagte zu
mir: “das ist jetzt dein Baby”…

Wieso nun nicht waschen? Der Stoff ist nicht chemisch gefärbt, sondern
die Jeans ist  einfach nicht gewaschen worden.  Indem man sie trägt
wird das Muster dann so persönlich, wie sonst nie. Und das gerade in
der heutigen Zeit, wo jeder individuell sein will. Das perfekte Ding.
Ich werde eines Tages im Winter vor der Waschmaschine lauern,
davorsitzen und eine Stunde warten. Nicht ganz vielleicht die längste
Stunde meines Lebens, aber dennoch liegt sie weit vor…

 



This entry was posted on Montag, Mai 11th, 2009 at 17:38 and is filed under Beziehungskisten, Leben. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.

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